Wider den Gscheidhaferln.

Warum es gerade in diesen Zeiten darauf ankommt, dass wir uns – so wie es Adenauer einst formuliert hat – ein “heißes Herz und kühlen Kopf” bewahren.

Die Coronavirus-Krise treibt aktuell die ganze Welt um, auch mich persönlich. Neben den ganzen unmittelbaren Folgen bringt mich aber zunehmend v.a. eine Sache auf die Palme, die sich schon seit einigen Jahren abzeichnet und in diesen Zeiten einmal mehr ganz besonders manifestiert: die schauderhafte Wirklichkeitsverzerrung, mit der sich manche Menschen hierzulande ihre eigene Realität einreden und durch die Gegend posaunen.

Man muss nicht alles bestätigend abnicken was in diesen Tagen politisch durchgepeitscht wird, ist doch gerade ein mündiges Bürgertum das Herzstück einer progressiven Zivilgesellschaft. Natürlich ist es geboten, Dinge kritisch zu hinterfragen: Warum wird politische Kompetenz aktuell häufig mit einer möglichst strikten Einschränkung der Freiheitsrechte in Verbindung gebracht? Werden die wirtschaftlichen Kollateralschäden wirklich zukunftsgerichtet und sozialwirksam abgefedert? Und welche soziokulturellen, zumeist nicht messbaren, Aspekte gilt es abseits der rein technischen Krisenbewältigung zu berücksichtigen?

 Was aber wie ich finde überhaupt nicht geht und an manchen Stellen wie Unkraut in unserer Gesellschaft sprießt: halbgar fundiertes Herumphilosophieren ganz nach dem Motto „Wer braucht schon Fakten, wenn er eine Meinung hat“. Die Zahl der selbsterklärten Hobbyvirologen steigt in diesen Tagen mindestens genauso stark an wie die Zahl der Bundestrainer während einer Fußball-Weltmeisterschaft. Bei derartigen Sportevents mag das ggf. nur nervig sein, in diesem Fall aber ist es brandgefährlich – zu verführerisch sind die zumeist steilen Thesen für viele Menschen auf der Suche nach einfachen Antworten für komplexe Probleme.

Der kleine, aber feine Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität spielt zumeist keine Rolle bzw. wir gekonnt ignoriert – und anstatt aus den gegebenen Umstände das Beste zu machen, wird sich auf die Suche nach Schuldigen gemacht. Die angeblich einseitige Medienberichterstattung (ich jedenfalls kann mich an keine Zeit zurückerinnern, in der ich die Arbeit der Journalist*innen hierzulande mehr geschätzt habe als jetzt), die scheinbar zweifelshafte Rolle von Philanthropen wie Bill Gates (der bereits 2015 eine solches Szenario für wahrscheinlich gehalten hat), die Referenzierung auf voreilige Studienergebnisse wie im Fall von Heinsberg (zur Steigerung der Medienwirksamkeit wurde dort die PR-Agentur des ehemaligen Chefredakteurs der Bild-Zeitung engagiert), der aktuell wenig aussagekräftige Vergleich mit anderen Todesursachen (wir wissen ja schließlich nicht, wie die Situation ohne Lockdown wäre) oder natürlich das lapidare Herunterspielen à la „So schlimm ist es schon nicht“ (wo in New York schon Massengräber ausgehoben wurden und uns die zweite Infektionswelle im Herbst erst noch bevor steht).

Und um zu erkennen, wie furchtbar destruktiv derartige Phantomdiskussionen sind, genügt ein Blick ins Ausland wo uns vermutlich die halbe Welt um die Besonnenheit und Wissenschaftshörigkeit führender Politiker*innen beneidet. Es führt einfach kein Weg dran vorbei uns einzugestehen, dass wir noch nicht alles über diesen Virus wissen und uns nichts anderes übrigbleibt als mindestens auf absehbare Zeit nur auf Sicht zu fahren. 

Der Weg aus dem Lockdown erfordert zweifelsohne mehr Geschicklichkeit als der Weg hinein – und gerade deshalb sollten wir und jeder einzelne alles daransetzten, diesen Prozess möglichst verantwortungsvoll und konstruktiv zu begleiten. „Listen to the Science“, dürfte wie in der Klimadebatte auch diesmal ein kluger Ratschlag sein – ansonsten blüht uns das, was der kluge Stephan A. Jansen einmal überaus präzise auf den Punkt gebracht hat: kollektive Verblödung durch dezentrale Intelligenz. 


>> Picture is taken from pexels.com <<

One thought on “Wider den Gscheidhaferln.

  1. Ich persönlich denke, dass wir schon lange auf Sicht fahren. Vor uns tut sich ein Eisfeld auf und wir wissen gerade nicht, welches die richtige Route ist um schadlos dort hindurch zukommen. Das Kommando “Volle Kraft voraus, wir sind unsinkbar”, ist meiner Meinung nach das falsche. Die Menschen fürchten den Eisberg den sie sehen. Je nach dem ob du steuerbord oder backboard aufs mehr schaust, können das ganz andere sein. Wichtig wäre es den Meldungen nachzugehen und nicht beim Captainsdinner auf die zurückgelegte Passage anzustoßen. Vor uns lauern Gefahren und der Blick in die Geschichte macht mir persönlich Angst.
    Mit besten Grüßen
    Martin

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