Meine 10 Lehren aus der Trump-Präsidentschaft

Die Inauguration der Biden-Harris Adminstration steht (endlich!) vor der Tür. Damit aber diese Zuversicht von Dauer ist, scheint es mir unumgänglich die gesellschaftlichen Ursachen des Trumpismus einmal in aller Ruhe zu reflektieren. Fehler sollten schließlich nicht 2x passieren.

Die letzten vier Jahre waren ein politischer Graus, jedenfalls für mich. Und es ist aber zugleich enorm beruhigend, dass der blonde Clown nun endlich von der Bildfläche verschwindet und mit Joe Biden auch wieder eine angemessenes Maß an Professionalität und Integrität ins Weiße Haus einzieht. Nichtsdestotrotz: das „Phänomen“ Donald Trump ist, keineswegs vom Himmel gefallen – sein Erfolg ist vielmehr Symptom tiefergehender Entwicklungen, deren Bewältigung es anzugehen gilt, wenn man in Zukunft derartige politische Vollkatastrophen (auch bei uns) verhindern will. Welche das sein könnten und inwiefern sich Handlungsoptionen dagegen eröffnen, darüber hab ich die letzten Wochen und Monate oft nachgedacht. Meine Erkenntnisse sind nachfolgend zusammengefasst.


1. DEMOKRATIE ist kein Zustand (sondern ein Prozess).

Womöglich hat sich (in jüngster Vergangenheit) eine etwas zu lasche Selbstverständlichkeit im Hinblick auf unsere demokratisches Gesellschaftskonstrukt breit gemacht. Der Wahlsieg von Donald Trump war womöglich ein Ausrutscher, die Briten konnten sich noch nie so richtig für Europa erwärmen und die AfD ist nur Auffangbecken für ein paar übergeschnappte Wutbürger – derartige Aussagen liefern gute Argumente für die eigenen politische Passivität, zugleich aber werden demokratische Fliehkräfte damit substanziell unterschätzt. Auch, und womöglich gerade weil es sich dabei zumeist um schleichende Entwicklungen handelt – oder anders ausgedrückt, wie es einst Philipp Rösler formuliert hat: „Wenn sie einen Frosch in heiße Wasser werfen, dann hüpft er sofort heraus. Wenn sie einen Frosch in kaltes Wasser setzten, und dann langsam die Temperatur erhöhen, wird er zuerst nichts merken und nichts machen. Und wenn er etwas merkt, dann ist es zu spät.“
Entsprechend ist auch unsere politische Stabilität und der konstruktive Diskurs vor allem dann in besonderer Gefahr, wenn uns langsam aber sicher das Bewusstsein für emotionale Abstumpfungen und inhaltliche Ignoranzen abhandenkommt. Denn, und das haben die letzten Jahre eindrucksvoll bewiesen: die Feinde der Demokratie halten Ihre Klappe nicht. „Rechtsextreme wollen vor allem eines: Macht. Alles andere ist optional und diesem Zweck untergeordnet.“ – so hat esPavel Mayer jüngst auf Twitter schrieb. Das sollten wir nicht vergessen.

Take-Away? Ich tendiere zur These, dass es wieder mehr politisches Engagement aus der Mitte der Gesellschaft heraus braucht. Das kann parteipolitische Arbeit sein, muss aber (mMn) nicht – vielmehr gibt es ebenso eine Vielzahl an zivilgesellschaftlichen Initiativen und Bemühungen, die vor allem eines gut gebrauchen können: persönliche Unterstützung. Wenn diese Wahl eines offenbart hat, dann vielleicht auch das: jetzt ist ein guter Moment, aktiv zu werden.


2. Mehr INKLUSION wagen.

Der Grad an gesellschaftlicher Polarisation ist in den USA (noch) deutlich fortgeschrittener als hierzulande, soviel lässt sich vermutlich schon festhalten. Nichtsdestotrotz gilt natürlich auch hier: was noch nicht ist, kann ja noch werden. Insofern dürfte eine ganz wesentliche Lehre im präventiven Sinn sein, dass unser gesellschaftliches Miteinander wieder integrativer werden sollte – und das gilt selbstredend für beiden Seiten, progressiv wie konservativ. Explizit nicht gemeint soll damit aber sein, dass es schon bald den ganz großen Meinungskonsens braucht – sondern vielmehr, dass inhaltliche Gemeinsamkeiten wieder deutlich stärker betont werden sollten als Trennendes. Womöglich eint den „Großstadt-Vegetarier“ und den „ländlichen Fleischesser“ der Wunsch nach einer regional-ökologischen Landwirtschaft? Womöglich eint Unternehmer wie Angestellte gleichermaßen eine Abkehr von dem überholten Mantra des einschlägigen „Shareholder-Value Kapitalismus“? Und womöglich eint junge wie alte Menschen, dass eine Bildungsoffensive, die ihren Namen verdient, schon lange überfällig ist um nicht nur geistig fit für das 21. Jahrhundert zu werden, sondern auch den individuellen schulischen Erfolg konsequent vom Bildungsgrad der Eltern zu entkoppeln. Über solche Dinge und noch viele weitere sollte dringend gesprochen werden, es gilt einen Ideenwettbewerb um die besten Lösungen zu induzieren – denn schlussendlich braucht die Demokratie vor allem eines um voranzukommen: den konstruktiven Diskurs.

Take-Away? Es ist ohne Frage deutlich bequemer mit ideologischen Scheuklappen durchs Leben zu laufen, unser Gehirn will schließlich möglichst effizient arbeiten. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass diese Methodik natürliche Grenzen hat: jede noch so kluge Persönlichkeit kann einmal fundamental daneben liegen, jeder noch so große Dummkopf kann einmal Recht haben. „Die Welt ist nicht schwarz oder weiß, sondern oft eher grau schattiert.“ – so hat es mein Religionslehrer einmal, durchaus treffend wie ich inzwischen finde, gesagt.  Wenn wir also zukünftig hinter Aussagen, die uns nicht gefallen, nicht mehr nur inhaltliche Positionen, sondern vermehrt auch wieder einen Menschen (mit Ecken und Kanten) sehen, wäre vermutlich schon viel gewonnen. Schließlich dürften die meisten von uns, mich eingeschlossen, deutlich offener für Veränderung sein, wenn politische Gespräche als ein inhaltliches Angebot zum Nachdenken geführt werden und nicht in einem eisernen Überzeugungswettkampf münden.


3. Unser FÜHRUNGSVERSTÄNDNIS braucht ein Upgrade.

Die hohen und stetigen „Sympathiewerte“ für Donald Trump oder anderer (Rechts-) Populisten sind struktureller Natur, das dürfte nicht zuletzt die jüngste US-Wahl gezeigt haben. Und damit verbunden bleibt, wie ich finde, auch eine wesentliche Frage: woher kommt die positive Resonanz für einen solchen Führungsstil in politischer Verantwortung? Brené Brown hat in diesem Zusammenhang vor kurzem eine, wie ich finde, hochspannende Gegenüberstellung formuliert: „Power OVER is protected by using fear. Leaders who work from a position of power WITH and power TO have a completely different foundational framework. They believe that power becomes infinite and expands, when shared with others.” Und vermutlich liegt auch genau darin des Pudels Kern – wenn Menschen sich, egal ob privat und/oder beruflich, in einem Umfeld befinden, dass primär nach der Logik von „Power OVER“ konditioniert ist, dürfte folglich auch die Tendenz spürbar ausgeprägter sein, ein solches Verhalten für Personen des öffentlichen Lebens als „normal“ oder „angemessen“ zu empfinden. Insofern liefern derartige politische Resultat zweifelsohne auch ein gesellschaftliches Spiegelbild – und in diesem Fall kann die Schlussfolgerung nur sein: unser tägliches Maß an Empathie, Wertschätzung und Respekt muss mehr werden.

Take-Away? Emotionale Intelligenz geht jeden von uns etwas an – völlig egal ob in der Familie, im Beruf oder beim sozialen Engagement. Wenn wir diese Verantwortung in Zukunft vielmehr als Chance begreifen, um mehr persönliche Schutzräume zu schaffen, in denen Angst, Scham und persönliche Verunsicherung kein Tabu-Thema mehr sind, wäre das ohne Frage ein großer und wichtiger Schritt nach vorne.


4. Mehr Bewusstsein in der MEDIENBERICHTERSTATTUNG.

Viele Verlage und Redakteure mussten in den vergangenen Jahren jede Menge Prügel einstecken („Lügenpresse“ „Fake News“, etc.) – zumeist aber zu Unrecht, wie ich finde. Die Anschuldigungen waren (und sind) argumentativ oft derart verstrahlt, dass es keinen Grund gibt in diese Lästerei miteinzusteigen. Nichtsdestotrotz aber hat die zurückliegende Präsidentschaft im Eiltempo aufgezeigt, wohin die Reise gehen kann, wenn Medienhäuser sich der Wirksamkeit ihrer Reichweite nur unzulänglich bewusst sind. Kaum ein Tag ist vergangen, an dem nicht über Donald Trump berichtet wurde – und überwiegend waren es keine intellektuellen Höchstleistungen, sondern vielmehr Lügen, Anschuldigungen und jede Menge sonstiger Bullshit. Donald Trump hat in der Außendarstellung sein politisches Wirken als eine riesengroße Trash-TV Show positioniert, ganz nach dem Motto: „Flood the Zone with Shit“. Und weil derartiges offensichtlich gut klickt, wurden viele Aussagen wörtlich und ohne Einordnung bzw. Richtigstellung publiziert – vermutlich mit der Erwartung, dass der Präsident himself sich damit seine Chance auf eine zweite Amtszeit verwirkt. Eingetreten aber ist mitunter eher Gegenteiliges: eine Abkehr vom medienpolitischen Diskurs im Generellen, ein erhöhtes Maß an Zynismus sowie eine zunehmende Politisierung von eigentlichen Selbstverständlichkeiten  – oder anderes ausgedrückt, wie es Sean Illing bei Vox überaus klug auf den Punkt gebracht hat: „We are in the age of manufactured nihilism.“ Es hat erst einen zügellosen und völlig realitätsentfernen Auftritt von Donald Trump in der Wahlnacht gebraucht, bis langsam aber sich ein vernünftiges mediales Selbstbewusstsein eingesetzt hat, um diesem manipulativen Schwachsinn nicht mehr Reichweite als unbedingt nötig zu schenken. Lieber spät als nie.

Take-Away? Ob und inwiefern die Medienlandschaft angemessene Schlüsse aus der Trump-Präsidentschaft, bleibt abzuwarten – das liegt nur bedingt in unserer Hand. Was wir allerdings sehr wohl beeinflussen können: unsere Aufmerksamkeit und selbstständiges Nachdenken. Und vor diesem Hintergrund ist meine vorläufige Conclusion jedenfalls, in Zukunft nicht mehr über jedes Stöcken zu springen, dass einem hingehalten wird – oder anders ausgedrückt, wie es der ehemaligen australische Premierminister in seiner Kritik an Murdoch-Media formuliert hat: „The company you work for and your friends in politics like Trump and have turned this issue of physics into an issue of values or identity. Saying that you belief or disbelief in global warming, is like saying you belief or disbelief in gravity. You’ve turned something, that should be a question of engineering and economics into undiluted ideology and idiocy and we are paying the price .”


5. Gelungene KOMMUNIKATION ist mehr als gute Argumente.

Die Wahlschlappe von Hilary Clinton war zu großen Teilen hausgemacht, sagt Peter Modler – Autor von dem Buch „Mit Ignoranten sprechen“. Und nachdem ich mir ebenjenes Buch im Herbst letzten Jahres angehört habe, wurde mein Blick auf das „Phänomen Trump“ doch ein ganzes Stück klarer. Kurz gesagt, mit einer alten Weisheit ausgedrückt: man kann nicht nicht kommunizieren. Oder etwas präziser formuliert: es gibt, nach Modler, zwei (drei) grundlegende Arten der Kommunikation, die sich ganz wesentlich unterscheiden und je nach Menschentypus unterschiedlich auf Resonanz stoßen. High-Talk (intellektuell-argumentativ, wenig hierarchiebetont, anspruchsvoller Satzbau) versus Basic-Talk (triviale Botschaften, stark hierarchiebetont, kurzer Satzbau), der gelegentlich um Elemente des Move-Talks (Positionierung im Raum, symbolisches Handeln, bewusstes Temperament) ergänzt wird. Nun kann man es unfair oder schade empfinden, dass nicht immer das beste Argument den entscheidenden Unterschied macht – zur Wahrheit gehört aber natürlich auch: wir Menschen sind Gefühlswesen, und keine lebendig gewordenen Algorithmen. Und dieser Logik hat sich auch Angela Merkel im Wahlkampf 2013 bedient, mit riesengroßen „Merkel-Raute“ Plakaten und dem entscheidenden Satz im TV-Duell: „Sie kennen mich.“  Insofern kommt es vermutlich am ehesten politischer Sisyphus-Arbeit gleich, überzeugte Trump-Anhänger – die sich offensichtlich schon 2016 nicht haben argumentativ inspirieren lassen – nun bei der nächsten Wahl einfach erneut mit den „richtigen Fakten“ zu bombardieren. Vor diesem Hintergrund wirkt der Wahlkampf von Joe Biden dann auch gar nicht mehr so trivial, wie er vielleicht auf den ersten Blick ausgehen hat: mit kurzen, einfachen Botschaften und einer konsequenten Inszenierung als empathischer Politik-Haudegen dürfte er vermutlich mehr Menschen mobilisiert haben als mit jeder noch so präzisen Analyse zur aktuellen Pandemie.

Take-Away? Für mich ist damit beispielsweise auch die nicht ganz unwesentliche Beliebtheit von Friedrich Merz deutlich plausibler nachvollziehbar. Auch wenn ich, vorsichtig ausgedrückt, nicht sein größter Fan bin, so bleibt festzuhalten: eine derartige Klarheit in der Ausdrucksweise mitsamt einer solche umtriebigen Attitüde (Basic/(Move)-Talk) ist in der deutschen Spitzenpolitik zumindest rar gesät. Und will man nun Menschen für sich gewinnen will, bei denen eine solche „Art“ der Kommunikation auf Resonanz stößt, braucht es eben höchstwahrscheinlich mehr als nur gute Argumente (was auch gar nicht besonders tragisch ist und keinesfalls als beratungsresistent abgestempelt werden sollte). Vielmehr dürfte es einfach darauf ankommen, die geeigneten Botschaften möglichst passend zu verpacken und auch im persönlichen Auftreten ein ansprechendes Selbstbewusstsein an den Tag zu legen.


6. SOCIAL-MEDIA ist ein Brandbeschleuniger.

„Sprache schafft Wirklichkeit“ – dieser Satz mag ein wenig althergebracht sein, an Aktualität hat er dennoch nicht verloren. Schon seit geraumer Zeit lässt sich feststellen, dass an manchen Stellen in sozialen Netzwerken der Umgangston rauer bis ausfallend wird. Der/die eine übergeschnappte Verwandte/Bekannte mit kruden Theorien im WhatsApp-Status mag da noch das geringere Problem sein. Unangenehmer wird es schon, wenn weibliche Influencer auf Instagram völlig respektlos und verachtend angegangen werden (hier oder hier). Aber gefährlich wird es vor allem dann, wenn ein ganzes Konzern (Facebook) sich vollumfänglich seiner notwendigen Verantwortung als Mediennetzwerk entzieht und dabei zu einem Ort voller Hate-Speech, Desinformation und unüberbrückbarer Polarisierung verkommt. Nebeneffekt natürlich: der Konzern profitiert finanziell davon, je mehr Interaktion durch „aufgeheizte“ Stimmung entsteht. Das aber darf nicht länger so bleiben – zumindest dann, wenn uns der gesamtgesellschaftliche Diskurs nicht schon bald vollständig um die Ohren fliegen soll. Viel zu lange wurden derartige Vorgänge, auch von mir, als Aktivitäten einer verrückte und vernachlässigbaren Online-Minderheit betrachtet. Mittlerweile, und das hat nicht zuletzt die jüngste US-Wahl gezeigt, droht die Sache auch politisch um sich zu greifen – auch deshalb, weil sich (Rechts-)Populisten skrupellos der mangelnde Regulierung des Konzerns bedienen. Schließlich hat vermutlich jede Regional-Zeitung ein besseres Qualitätsmanagement und ein höheres Integritätsbewusstsein als das mit Abstand reichweitenstärkste Medienunternehmen der Welt. Nicht ganz zu Unrecht hat deshalb die demokratische Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez dem Konzern von Mark Zuckerberg eine Mitverantwortung für die jüngsten Ausschreitungen in Washington vorgeworfen – denn wenn man einmal in Ruhe sacken lässt, mit welcher Hybris der facebook-Konzern sich weiterhin jeglicher Verantwortung für fact-checking von politischer Werbung entzieht, auch nachdem Cambridge Analytica durch die Erstellung/Nutzung von „Psychographics“ massiv in den US-Wahlkampf eingegriffen hat, kann einem durchaus Angst und Bange werden.

Take-Away? Die Regulierung ist zweifelsfrei Verantwortung staatlichen Instanzen – und was Sascha Lobo vor diesem Hintergrund schon 2018 ins Feld geführt hat, scheint mir zeitgemäßer denn je: Facebook ist eine „soziale Infrastruktur“ und entsprechend sollte sich davon ein adäquater staatliche Umgang ableiten. Nichtsdestotrotz aber obliegt es aber natürlich jedem Einzelnen, sich den Gefahren/Risiken psychologischer Manipulation im Netz möglichst gut bewusst zu werden. Insofern werde auch ich bald nachholen, was mir inzwischen schon vielfach ans Herz gelegt wurde: The Social Dilemma endlich auf Netflix anzuschauen und mir einen bewussteren Umgang mit digitalen Medien verordnen.


7. Transformative Zeiten brauchen GESTALTUNGSANSPRUCH.

“Pollsters found that 82% of voters somewhat (33%) or strongly (49%) agree that “the primary goal of U.S. energy policy should be achieving 100% clean energy.” – zu diesem Ergebnis kam jüngste eine Studie aus den USA. Mich hat dieses Resultat doch überaus positiv überrascht, speziell vor dem Hintergrund von fast 50% Zustimmung für einen selbsterklärten Klimawandelleugner im höchsten Staatsamt. Umgekehrt aber gehen damit (mMn) auch zwei wichtige Schlussfolgerungen einher: 1) Gesellschaften sind oft progressiver als sie auf den ersten Eindruck vermuten lassen – und 2) substanzielle Zukunftspläne dürften politisch deutlich erfolgsversprechender sein als eine semi-progressive Positionierung im Sinne des „kleineren Übels“. Für die kommende Dekade dürfte vor diesem Hintergrund vor allem die Bewältigung der Klimakrise als wesentlichster Transformationstreiber zu nennen sein, mitsamt den damit einhergehenden Implikationen auf zivilgesellschaftlicher Ebene. Inwiefern lassen sich aus der anbahnenden grün-industriellen Revolution wirtschaftspolitische Potentiale ableiten? Welche Vorzüge ergeben sich durch eine bewusste Re-Kommunalisierung bestimmter Wertschöpfungsfelder? Und was könnte ein adäquater sozialpolitischer Rahmen sein, um kluge Anreizmechanismen zur Verringerung des Ressourcendurchsatzes zu erzeugen? Dafür braucht es ambitionierte und zugleich radikal an den, wie es im Englischen so schön heißt, Frontline Communities ausgerichtete Lösungsvorschläge aus allen Ecken der politischen Parteienlandschaft. Denn intuitiv, so jedenfalls mein Eindruck, ist einer kritischen Masse hierzulande längst bewusst, was einst schon Willy Brandt sagte: „Der beste Weg, die Zukunft vorauszusagen, ist sie zu gestalten.“

Take-Away? Es wird höchste Zeit, sich nicht länger mit alten Wein in neuen Schläuchen abspeisen zu lassen. Umso mehr wird es also darauf ankommen, dass wir unser Lösungsdenken konsequent an dem Ausmaß der Herausforderungen ausrichten. Wenn ein Unternehmen ohne Wachstumszwang erfolgreich sein kann, kann es dann eine Volkswirtschaft auch? Wenn die Digitalisierung unsere Arbeitswelt auf den Kopf stellt, sollte dann nicht auch der Sozialstaat neue gedacht werden? Und wenn die Umwelt- & Klimaproblematik auf physisch-biologischen Gesetzmäßigkeiten beruht, warum sollten sich die Maßnahmen dann weiterhin an trügerischem Scheinglauben orientieren?  Die Zeit scheint mir insofern mehr als reif, dass wir „vor die Krisen kommen“, wie es Norbert Röttgen am jüngsten CDU-Parteitag völlig treffend auf den Punkt gebracht.


8. Der (Rechts-)POPULISMUS entzaubert sich nicht von selbst.

Oft genug wurde auf radikal-nationalistischen Strömungen in den letzten Jahren vor allem mit „Verständnis zeigen“ und „Sorgen ernst nehmen“ reagiert – auch medial: Gabor Steingart etwa twitterte vor 2 Jahren nach einem Treffen mit Steve Bannon: „We don’t have to follow the populists, but we should try to understand their political energy.“ Gerade das Ende der Präsidentschaft von Donald Trump aber hat gezeigt: auf solch schauderhafte Fehleinschätzungen sollten wir uns unter keinen Umständen mehr einlassen. Auch deshalb, weil anfängliche Unterstützer (offensichtlich) eine Grenzüberschreitung nach der anderen tolerieren. Rechtspopulisten nutzen wo immer möglich und in Windeseile die Macht der (zuvor von ihnen kritisierten) Institutionen gnadenlos zu ihrem eigenen Vorteil aus und setzten alles daran, die Hebel der Regierungsverantwortung am besten nie wieder abgeben zu müssen. Und ehe man schaut, wackelt das Fundament der Demokratie. Folgt man bspw. der Definition von „Faschismus“ auf Google (nach dem Führerprinzip organisierte, nationalistische, antidemokratische, rechtsradikale Bewegung, Ideologie) so scheint jedenfalls mir, dass eine eindeutige Abgrenzung zum Gedankengut des 45. US-Präsidenten zumindest nicht intuitiv erkennbar ist. Angesichts unserer historischen Vergangenheit sollten wir in Deutschland deshalb besonders aufmerksam sein und einem Aufkeimen demokratischer Zentrifugalkräfte maximal konsequent entgegentreten.

Take-Away? Nun sei ergänzend hinzugefügt, dass prinzipiell nichts gegen einen gesunden Konservatismus einzuwenden ist – wo immer aber Freiheit mit Verantwortungslosigkeit gleichgesetzt, Diskriminierung toleriert und an demokratischen Strukturen gesägt wird, sollte unvermindert gelten: #KeinMillimeterNachRechts


9. Mehr Eigenverantwortung für EUROPA.

Ein transatlantisches Bündnis, das auf den Werten von gegenseitiger Wertschätzung und konstruktiver Zusammenarbeit fußt, war und ist ein historisch großer Schritt und dürfte auch perspektivisch von unschätzbarem Wert sein. Denn: die großen Herausforderungen unserer Zeit, von der Bekämpfung der Pandemie über die Eindämmung der Klimakrise bis hin zur Einhegung der geopolitischen Machtansprüche von China sind von keinem Kontinent (geschweige von einem Land) alleine zu bewältigen. Insofern sollte uns eine erneute Intensivierung der politischen Beziehungen zu den USA natürlich mehr als am Herzen liegen. Wahr ist aber ebenso: die Vereinigten Staaten haben sich mit der Wahl vor 4 Jahren, aber auch mit der knappen Niederlage von Donald Trump im November, mindestens als gelegentlicher Unsicherheitsfaktor in diesem Partnerschaftskonstrukt erwiesen. Insofern wäre es nur konsequent und im ureigensten Interesse, wenn die Europäische Union auf derartige Tendenzen eines politischen De-Couplings selbstbewusste und zukunftsgerichtete Antworten findet. Das dürfte natürlich ganz wesentlich für sämtliche Aspekte der Außen- und Sicherheitspolitik gelten, womöglich aber ebenso für die Neujustierung von Handelsverflechtungen und wirtschafts-/technologiepolitische Regulierungsangelegenheiten. Wichtigste Voraussetzung dafür aber: eine möglichst tiefgreifende Integration der Europäischen Union nach innen, sowie eine bestmögliche Geschlossenheit nach außen. Nur dann wird es möglich sein, ein gesundes Maß an Weltpolitikfähigkeit und Handlungsschlagkraft zu entwickeln.

Take-Away? Europa kann nur dann zu politischer Stärke kommen, wenn die Menschen auf diesem Kontinent in der Europäischen Union auch das sehen, was es wirklich ist: ein beispielloses Friedensprojekt, um das uns viele auf der Welt beneiden. Insofern liegt auf persönlicher Ebene vor allem eine Schlussfolgerung nahe: es gilt die kulturelle Vielfalt Europas und die nationale Einzigartigkeit vieler Mitgliedsstaaten/Nationalitäten bestmöglich kennen und schätzen zu lernen, um sämtlichen Bestrebungen chauvinistischer Propaganda noch besser als das entlarven zu können, was sie zumeist sind – eine politische Sackgasse.


10. RESIGNATION löst keine Probleme.

Wie oft ist mir im letzten Jahr zu Ohren gekommen oder war irgendwo zu lesen (sinngemäß): Joe Biden ist (viel) zu wenig inspirierend, um die Menschen von sich zu überzeugen. Oder: Die Amerikaner wählen Trump doch eh noch einmal. Pessimismus, allover the place. Nun mögen derartige Szenarien natürlich nicht völlig ausgeschlossen gewesen sein – wenn aber alle US-Bürger*innen mit einer derartigen Einstellung vor dem Wahlzettel gestanden hätten, wäre der Narzisst aus dem Weißen Haus morgen ganz sicher zu seiner zweiten Amtszeit vereidigt worden. Ohne den Sprit von Nelson Mandela geht einfach nichts vorwärts: „It always seems impossible until it’s done.“

Take-Away? Auf dass diese positive Energie aus den Vereinigten Staaten auch den deutschen Politikbetrieb beflügelt und uns eine progressive Post-Merkel Ära beschert – meine Zuversicht ist jedenfalls ganz gewiss, ganz nach dem Motto: “Am Ende wird alles gut – und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.”


SUMMA SUMMARUM: persönlich jedenfalls mache ich gefühlt noch immer jeden Tag drei Kreuzzeichen, dass Donald Trump bald wieder mehr Zeit zum Golfen hat. Insbesondere nach den jüngsten Vorfällen am Kapitol übersteigt es ehrlich gesagt meine Vorstellungskraft, mir auszumalen, was aus den USA ansonsten in den nächsten vier Jahren geworden wäre. Und auch wenn Joe Biden keineswegs die rhetorische Brillanz bzw. das Charisma von Barack Obama mitbringt, so könnte der trotzdem der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein: ein gesunder Mix aus Ruhe, Empathie und Entschlossenheit gepaart mit langjährigen Exekutiv-Erfahrung dürfte in diesem Amt vermutlich noch nie so essenziell gewesen sein wie in diesen Tagen. Donald Trump hat politisch wie gesellschaftlich einen Trümmerhaufen sondergleich hinterlassen, dessen „Aufräumarbeiten“ noch eine ganze Weile andauern werden. Wenn aber die Ursachen und nicht nur die Symptome dieser Odyssee konsequent analysiert und angegangen werden, bleibt zu hoffen, dass sich im Rückblick einmal mehr ein altes Sprichwort bewahrheitet: „Auch ein Schritt zurück ist oft ein Schritt zum Ziel.“


>> Picture is taken from unsplash.com <<

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