Fridays For Future – Warum die Klimaproteste mehr sind als naiver Jugendaktivismus.

Die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg hat junge Menschen auf der ganzen Welt mobilisiert, um sich für eine Lösung der Klimakrise einzusetzen. Warum es dafür höchste Zeit wurde und welche Signale von dieser Bewegung noch ausgehen, darüber habe ich hier nachgedacht.

Ich verfolge die Sache nun schon eine ganze Weile. Greta Thunberg natürlich, die Gallionsfigur der Bewegung, aber auch die Demonstrationen, allen voran in Deutschland. Zunächst einmal, unabhängig davon wie man dazu stehen mag, ist festzuhalten: es wurde, und wird nach wie vor, Beeindruckendes auf die Beine gestellt. In so kurzer Zeit derartig viele Menschen zu mobilisieren, lässt nicht nur auf ein äußerst ehrgeiziges Engagement der Organisatoren schließen, sondern zeigt einmal mehr, welche großartigen Möglichkeiten die sozialen Medien inzwischen zur Verfügung stellen. Greta Thunberg alleine folgen inzwischen über 360.000 Menschen, nur auf Instagram. Und ich glaube, es ist kein Zufall, dass die 16-jährige Schwedin an der Spitze dieser Bewegung steht – verkörpert sie doch, ob sie will oder nicht, zwei unumkehrbare Entwicklungen, die das 21. Jahrhundert noch nachhaltig prägen werden.

1) The future is female.

Es gibt sie noch, Menschen wie Donald Trump, die sich primär über verbales Gepoltere definieren und am liebsten doch in einer Umgebung männlicher Seilschaften agieren. Aber es gibt gute Anzeichen, dass dieser Typus gesellschaftlich bald keine Rolle mehr spielt – zu unangenehm ist sein Auftreten und zu ineffizient die Zusammenarbeit in heterogenen Teams. Bis dem aber wirklich so ist, gibt es noch einige Auseinandersetzungen zu überstehen. Exemplarisch zeigt sich das auch an einem üblen Shitstorm, den die deutsche Klimaaktivistin Luisa Neubauer zuletzt in den sozialen Medien aushalten musste – mit welchem Hohn und Spott, vorzugsweise von Herren mittleren Alters, über diese junge Frau unter dem Hashtag #langstreckenluisa gesprochen wurde, weil sie schon einige Reiseziele mit dem Flugzeug erreicht hat und sich dennoch für Umweltthemen einsetzt, ist schlicht erschütternd. Umso positiver allerdings zu sehen, dass sich die jüngste Generation an female leaders von derart stumpfsinnigen Anfeindungen nicht mehr unterkriegen lässt. Gesellschaftlich kann man das nur begrüßen.

2) Bildung geht auch ohne Schule.

Mitunter größer Kritikpunkt an den Klimastreiks ist, dass sich junge Menschen dafür selbsternannt über die Schulpflicht hinwegsetzen. Nun sei dazugesagt, dass ich die Schulpflicht prinzipiell für keine schlechte Errungenschaft halte – mir hat sie jedenfalls nicht geschadet. Nichtsdestotrotz ist die Situation heute, Greta Thunberg bspw. ist knapp 10 Jahre jünger als ich, eine deutlich andere. Junge Menschen haben, sobald sie lesen und schreiben können, inzwischen die Möglichkeit, sich selbst zu bilden. Stichwort: Internet. Der ursprüngliche Gedanke also, welcher vermutlich hinter der Schulpflicht stand (man müsse in die Schule gehen, weil man sonst dumm bleibe), ist zumindest für jene Jugendliche nicht mehr richtig, die genügend Eigenmotivation entwickeln sich selbst in spezielle Sachverhalte zu vertiefen. Das kann dann eben Programmieren sein oder eben auch sich über politische Verfehlungen und Missstände zu informieren (wie es sie ja in der Klimapolitik zu Hauf gibt). Diese Tatsache haben wohl inzwischen viele Kinder und auch Eltern begriffen, weshalb den meisten dämmern dürfte, dass sich unser Bildungssystem lieber früher als später verändern muss, um zu verhindern, dass Schüler ständig Dinge lernen, welche Computer schlussendlich doch besser können. Bildung sollte Menschen in die Lage versetzen, Probleme zu lösen – wenn dieser Auftrag aber nicht mehr erfüllt wird, ist es kaum verwunderlich, dass sich andere Ausdruckformen herausbilden um dem inneren Problemlösungsdrang (der wohl in den meisten von uns steckt) ein Ventil zu geben. Zum Beispiel: Klimastreiks. 

Abgesehen von diesen beiden Beobachtungen stellt sich aber natürlich die Frage, was inhaltlicher Natur von dieser Bewegung zu halten ist. Persönlich glaube ich, mehr als man auf den ersten Eindruck meinen könnte. 

Dabei sollte man sich aber nicht allein von der Frage leiten lassen, wann genau jetzt der richtige Zeitpunkt für einen deutschen Kohleausstieg ist – auch ich bin der Meinung, dass 2 Jahre hin oder her die Welt nicht gleich in den Abgrund stürzen werden. Vielmehr geht es um die Frage, mit welcher Ambition die klimapolitischen Ziele in diesem Land verfolgt werden. Und wenn man sich dabei die vergangenen und aktuellen Entwicklungen vor Augen führt, gibt es durchaus Grund besorgt zu sein.

Resultierend aus dem Pariser Klimaabkommen, hat sich Deutschland verpflichtet seine CO2-Emissionen bis zum Jahr 2050 um mind. 80%, tendenzieller aber eher 95%, im Vergleich zum Jahr 1990 (1.251 Mio. Tonnen) zu reduzieren.

Im Jahr 2018 lagen die CO2-Emissionen aktuellen Schätzungen zu Folge bei 854 Mio. Tonnen, was einer Einsparung von 31,7% entsprechen würde – im Umkehrschluss heißt das, bezugnehmend auf 2030 (Zwischenziel, mind. 55% Reduktion) nichts anderes, als dass wir in den nächsten 11 Jahren fast noch einmal das schaffen müssen, wofür wir zuletzt 29 Jahre gebraucht haben. Zaudern, vertagen oder schlicht nicht handeln, sind deshalb keine Option. Was es jetzt braucht ist „bold action“, wie es im amerikanischen oft so schön heißt. 

Mit dem Kohleausstieg ist dafür im Energiesektor (ca. 32% der CO2-Emissionen) ein erster Schritt in die richtige Richtung getan – in den anderen Sektoren (Gebäude, Industrie, Verkehr & Landwirtschaft) tut sich gerade allerdings herzlich wenig. Dabei wäre gerade bei den zwei letzteren eine klare ordnungspolitische Leitplanke notwendig, um die Verantwortung nicht ständig beim Verbraucher abzuladen. Es kann einfach nicht sein, dass ständig der Bürger darüber nachdenken muss, ob und inwieweit gewisse Dinge klimapolitisch vertretbar sind, nur weil die Politik nicht in der Lage ist, die mit dem Konsum einhergehenden Umweltschäden in die Preisfindung miteinzubinden. (Stichwort: steuerfreies Kerosin für die Luftfahrtindustrie, Subventionen für Billigfleisch). Es wurde uns ständig vorgegaukelt, man könne allein durch individuelle Maßnahmen deutliche Fortschritte erreichen ohne das dahinterliegende System zu verändern – aber das ist natürlich Bullshit. 

Man kann noch so viel Energie beim Duschen sparen, aber es hilft nichts, wenn der Strom nach wie vor von Braunkohle-Kraftwerken erzeugt wird. Man kann noch so gerne Bahn fahren, aber es macht einfach keinen Sinn, wenn Inlandsflüge deutlich günstiger sind. Und man kann noch so sehr seinen Fleischkonsum reduzieren, aber auch das bewirkt zu wenig, wenn es nicht endlich klare Richtlinien und vernünftige Einschränkungen in der industriellen Massentierhaltung gibt. 

Aber genau darin könnte auch die tieferliegende Message von Fridays for Future versteckt sein: wir brauchen eine klimapolitische Flucht nach vorne mit Ambition, Ehrgeiz und verantwortungsvollen Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Nicht irgendwann, sondern jetzt.

All das ist keine Frage von Ideologie oder politischem Lagerdenken, die wissenschaftlichen Fakten dazu liegen alle auf dem Tisch. Wir befinden uns in einer Einbahnstraße – und je später wir anfangen, Dinge radikal neu zu denken und zu verändern, desto mühevoller und unangenehmer wird die Angelegenheit. 

In den Vereinigten Staaten scheint sich genau eine solche politische Bewegung neu zu formieren. Federführend initiiert von Alexandria Ocasio-Cortez, einer 29-jährigen Abgeordneten des Repräsentantenhauses, schlägt das Konzept eines „Green New Deal“ gerade hohe Wellen. Im Kern steht dahinter ein staatliches Lenkungsprogram mit einer klaren sozio-ökologische Agenda, die nicht nur den Einstieg in eine dekarbonisiertes Wirtschaftssystem innerhalb der nächsten Dekade vorsieht, sondern begleitend auch umfangreiche Sicherungsmaßnahmen für die von dieser Transformation betroffenen Menschen. Und siehe da, die Vorschläge zeigen Wirkungen: nahezu alle aussichtsreichen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten haben sich inzwischen hinter dieses Konzept gestellt.  

Und das macht, wie ich meine, auch Sinn. Denn im Kern dieser Debatte sollte doch vor allem eine Frage stehen: hat die nachfolgende Generation eine bessere Zukunft vor sich, als die jetzige? Nicht wenige Menschen, so jedenfalls meine Wahrnehmung, haben daran inzwischen nicht unerhebliche Zweifel. Mehr Konsum, mehr Wachstum auf Kosten der Natur, mehr Perspektivlosigkeit – so kann und darf es nicht weitergehen.

Was wir deshalb mehr denn je brauchen, ist vor allem eines: ein positives Narrativ der Zukunft, das Prosperität und Lebensqualität gekonnt miteinander vereint.

Vor wenigen Tagen habe ich mir die Doku „Inside Job“ angesehen, welche die Ursachen und Auswirkungen der globalen Finanzkrise von 2008 beschreibt. Und bezugnehmend auf die verschwindend geringe Einsicht der verantwortlichen Akteure im Rückblick auf dieses Desaster, schließt der Film mit den Worten, die auch ganz hervorragend zur sich anbahnenden Klimakatastrophe passen: 

„They will tell us that we need them and that what they do is too complicated for us to understand. They will tell us it won’t happen again. They will spend billions fighting reform. It won’t be easy. But some things are worth fighting for.“



Picture is taken from instagram.com/gretathunberg

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