Danke.

Oft nachgedacht und mit Herzblut verfasst – mein Nachtrag über eine bemerkenswerte Frau.

Gestern hat Angela Merkel nach 18 Jahren das Amt als CDU-Parteivorsitzende niedergelegt, ihre politische Karriere neigt sich also dem Ende zu. Ein nicht unwesentlicher Moment, jedenfalls für mich — wurde dieses Land doch mehr als die Hälfte meiner bisherigen Lebenszeit von der nach wie vor amtierenden Bundeskanzlerin regiert.

Sie wird, das steht wohl außer Frage, nicht nur als erste Frau an der Spitze des Staates, sondern auch als eine der ganz großen politischen Figuren der Nachkriegszeit in die Geschichtsbücher der Bundesrepublik eingehen. Eine zweifelsohne beeindruckende Karriere, die Wladimir Putin, 3 US-Präsidenten sowie 7 italienische Premierminister überdauert hat — und den Weg in ein neues Zeitalter geebnet hat, das von vollumfänglicher Globalisierung und Digitalisierung geprägt ist.

Über die politischen Errungenschaften mag man sich vergeblich streiten, darum soll es an dieser Stelle auch gar nicht gehen. Deutschland ist, jedenfalls meinem persönlichen Eindruck nach, mindestens solide aufgestellt — und für alles was darüber hinaus geht, so halte ich es gerne mit John F. Kennedy: „Ask not what your country can do for you. Ask what you can do for your country.“

Was aber bleibt von der Person Angela Merkel? Ich glaube, eine ganze Menge.

Seit ich politisch denken kann, ist diese Frau Bundeskanzlerin. Es ist deshalb nur logisch, dass ihre Persönlichkeit und meine individuelle Wahrnehmung davon, durchaus prägenden Charakter für mich haben. Drei Aspekte davon will ich an dieser Stelle einmal herausgreifen.

I) In der Ruhe liegt die Kraft.

Wer nach temperamentvollen Emotionsausbrüchen oder hektischen Debattenvorstößen in der Ära Merkel sucht, der wird vermutlich kaum fündig werden. Ich meine, dass muss auch gar nicht sein. Vielmehr ist vielleicht sogar das Gegenteil richtig: gerade auf höchster staatlicher Ebene sollten Entscheidungen gut vorbereitet und klug eingefädelt werden, sodass möglichst wenig Platz für politischen Aktionismus bleibt. Das ist oftmals mühsam und nicht immer spannend, der Erfolg aber ist nun mal, und wie so oft im Leben, ein scheues Reh.

Insofern habe ich jedenfalls den merkelschen Regierungsstil, maximal geräuschlos und unaufgeregt in seiner Art, nur selten als langweilig, sondern zumeist als wohltuend empfunden.

Denn ihr öffentliches Auftreten und ihre verbalen Äußerungen haben sich fast ausschließlich auf das beschränkt, was als Bundeskanzlerin zu tun war — nicht mehr, und nicht weniger. Führt man sich darüber hinaus nun auch noch die teilweise hysterischen Vorgänge innerhalb der politischen Szene vor Augen, so ist Angela Merkel ohne Frage ein Vorbild für gelebte Professionalität und disziplinierte Bodenständigkeit. Vermutlich hält sie es einfach mit Abraham Lincoln und ist damit offensichtlich gar nicht so schlecht gefahren: “I walk slowly, but I never walk backward.”

II) Führungsstärke ist keine Frage der Lautstärke.

Prinzipiell gibt es an einem derart selbstlosen Führungsverständnis auch nichts auszusetzen — dass sich aber dennoch so einige nicht zufriedenstellend repräsentiert fühl(t)en, lässt sich mir nur durch einen Aspekt erklären: die Herangehensweise von Angela Merkel war und ist ein krasser Regelbruch im über Jahrzehnte hinweg von männlichen Egoismen geprägten Politikbetrieb. Oder anders ausgedrückt, wie es René Pfister zuletzt im Spiegel formuliert hat:

„Merkel hat gezeigt, und das gehört zu ihren großen Leistungen, dass Regieren ohne Pomp und Drama möglich ist.“

Dennoch hat sie es nicht nur nach ganz oben geschafft, sondern ist dort auch lange geblieben: erst jüngst hat das US-magazin Forbes die Bundeskanzlerin zum achten Mal in Folge als mächtigste Frau der Welt gekürt. Es liegt deshalb mehr als nahe, dass die promovierte Physikerin im innersten Kern ebenso eine überdurchschnittlich kühle Machtstrategin ist. Nimmt man beides zusammen, so sind wesentliche Merkmale einer außergewöhnlichen Führungspersönlichkeit erkennbar, wie man sie nur selten findet. Merkel ist, folgt man der Begrifflichkeit des amerikanischen Managementexperten Jim Collins, ein Paradebeispiel für Level-5 Leadership. Ein Mensch also, der sich vor allem durch folgendes auszeichnet: „builds enduring greatness through a paradoxial combination of personal humility plus professional will.“ Betrachtet man nun ganz nüchtern die Rahmenbedingungen des 21. Jahrhunderts in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, so meine ich, dass ein solcher Führungsstil nicht nur überaus zeitgemäß, sondern auch am ehrlichsten und vermutlich auch am effektivsten ist. Für meine Generation, und insbesondere die nachfolgenden, war diese Kanzlerschaft deshalb vor allem in dieser Hinsicht wertvoller als jede schulische und akademische Ausbildung.

III) Integrität. Integrität. Integrität.

Menschliche Sympathie ist subjektiv, politische Ziele sowieso. Persönliche Werte allerdings sind es nicht. Und vermutlich ist auch darin das wahre Vermächtnis von Angela Merkel zu finden.

„Bis heute schätze ich ihre aufmerksame Gelassenheit und Ruhe. Und insbesondere ihr hohes Maß an Loyalität und Vertraulichkeit. Nicht ein einziges Mal ist aus unseren Gesprächen etwas an die Öffentlichkeit gedrungen, was nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Wir konnten uns immer aufeinander verlassen.“

— so hat es der Guide Westerwelle im Juni 2016 geschrieben, kurz vor seinem Tod. Und auch darüber hinaus kann ich mich jedenfalls an keine ernstzunehmende Stimme aus dem politischen Umfeld erinnern, die rückwirkend ein schlechtes Wort über die Person Angela Merkel hat fallen lassen. Nicht unwesentlich lag das vermutlich auch an ihrem öffentlichen Auftreten: keine mitleidserregenden Beschwerden über komplexe Gemengelagen, kein persönliches Nachtreten gegen politische Weggefährten, kein gar nichts. Rückblickend empfinde ich deshalb ihre Fähigkeit, die Sache immer über menschliche Vorbehalte zu stellen, als die wohl bemerkenswerteste Eigenschaft dieser Frau.


Unterm Strich bleibt deshalb vor allem eins: Angela Merkel war und ist ein Glücksfall für dieses Land. Und gerade jetzt, am Ende ihrer politischen Laufbahn, sind keinerlei Anzeichen von Verbitterung zu erkennen — vielmehr aber eine Leichtigkeit und Klarheit, wie man sie sich vielleicht sogar schon früher gewünscht hätte. Die Selbstbestimmtheit ihres angekündigten Abgangs (…„Ich wurde nie als Kanzlerin geboren und das habe ich auch nicht vergessen.“), ein angenehmer Humor kombiniert mit gesunder Fachkompetenz und ungebrochener Detailverliebtheit (…dazu empfehle ich ihre Rede auf dem Digital Gipfel 2018) sowie ein nach wie vor beeindruckendes außenpolitisches Geschick (…zu den wieder aggressiver werdendem Konflikt in der Ostukraine sagte Donald Trump in der New York Post sogar durchaus öffentlichkeitswirksam: „Angela, let’s get involved Angela.“) — all das macht die Bundeskanzlerin zu einer Frau, die auch nach 13 Jahren im Amt noch absolut auf der Höhe der Zeit scheint.

Ihr Weg zum Elder Statesman ist somit vorgezeichnet, gerade auch weil davon auszugehen ist, dass sie auch über ihre politische Karriere hinaus mit einem Höchstmaß an Bescheidenheit und Bessonenheit agieren wird.

Und auch wenn sie, wie bei vielen großen Persönlichkeiten, die verdiente Anerkennung der breiten Bevölkerung vermutlich erst nach ihrem Ausscheiden aus dem politischen Staatsdienst erfahren wird — meine Hochachtung vor ihrer persönlichen Lebensleistung ist ihr schon jetzt zu Teil.


> Picture is taken from instagram.com/bundeskanzlerin <

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