Aus dem Leben eines Volunteers.

Die ersten drei Wochen auf dem afrikanischen Kontinent sind vergangen. Zeit also für einen Zwischenbericht – über (un)erfüllte und neue Erkenntnisse.

Im Vorfeld dieser Reise habe ich mir hin und wieder Gedanken zu diesem Vorhaben gemacht, insbesondere natürlich auch über den Sinn und Zweck des Volunteering in einem Entwicklungsland. Dieses Projekt war (und ist) für mich eine Herzensangelegenheit, aber auch gerade deshalb hatte ich von Anfang an einen persönlichen Erwartungsrahmen. Nach den ersten drei Wochen allerdings ist es an der Zeit einige Perspektiven neu zu justieren.

Ich war der festen Überzeugung, dass meine sechs Wochen, die ich hier verbringen werde, an der unteren Grenze dessen sind, was gerade noch sinnvoll ist – um zumindest halbwegs in die Kultur und die dortige Aufgabe hineinzuwachsen. Schon nach dem ersten Tag aber habe ich festgestellt: weit gefehlt. Der Großteil der Volunteers verweilt in etwa 3–4 Wochen hier, manche sogar nur zwei.

Man kann, ohne es böse zu meinen, durchaus von einem Volunteering-Tourismus sprechen, der sich hier etabliert hat.

Der gesunde Menschenverstand würde angesichts dessen zumindest ein kleines Fragezeichen hinter die grundsätzliche Ernsthaftigkeit und die Nachhaltigkeit in dieser Sache setzen.

Nicht unwesentlich aber ist noch eine andere Sache: mit meinen 25 Jahren bin ich fast schon der älteste in unserer Gemeinschaft – und das, obwohl die Organisation fast durchgängig mit knapp 30 Volunteers besetzt ist. Die überwiegende Mehrheit befindet sich gerade mitten im Studium (vereinzelt sogar unmittelbar nach dem Abitur), was insofern die äußerst kurze Verweildauer zumindest etwas nachvollziehbarer macht. Denn ein Dilemma dieser Generation, zu der auch ich mich zähle, liegt nicht unwesentlich an den massiv gestiegenen Anforderungen, die es heute im Idealfall alle zu erfüllen gilt. Vor diesem Hintergrund, ohne wirklich zu wissen was einen konkret erwartet, für mehrere Monate am Stück in ein Entwicklungsland zu gehen um dort die persönliche Lernkurve (und vielleicht auch Spaßkurve) ggf. schon nach den ersten Wochen deutlich abflachen zu sehen – dieses Risiko nehmen nur die wenigsten auf sich.

Leben in diesen Zeiten (und gerade für junge Menschen), heist heute mehr als je zuvor eben auch: trial and error, fail fast fail forward.

Für mich persönlich ist das insofern eine spannende Erfahrung, weil ich – jedenfalls gefühlt – zum ersten Mal ausschließlich von deutlich jüngeren Menschen (mit zumeist anderen Werdegängen) umgeben bin. Nun ist all das nicht immer ein unmittelbarer Gradmesser für die persönliche Reife des Einzelnen, im Schnitt aber empfinde ich jedenfalls gelegentlich eine differenzierte Wahrnehmungen. Das ist per se weder gut noch schlecht, vielmehr sind mir dadurch einmal mehr zwei wesentliche Dinge klar geworden.

Zum einen: meine Sehnsucht nach einem stabilen, professionellen und fördernden Umfeld war vermutlich nie größer als in diesen Tagen. Es wird allerhöchste Zeit für einen neuen Lebensabschnitt. Zum anderen: junge Menschen brauchen Entwicklungsspielraum. Es gab Momente, an denen ich mir innerlich kurz an den Kopf fassen musste. Nichtsdestotrotz: the proof of the pudding is in the eating. Wenn ich selbst nur einen Moment zurückblicke, dann weiß ich, wie sehr sich ein Mensch in wenigen Jahre verändern kann.

Grundsätzlich ist darüber hinaus, jedenfalls in meiner Organisation, noch festzustellen, dass ein Großteil der Volunteers weiblich ist. Nicht unwesentlich mag das vermutlich daran liegen, dass die meisten Aufgabenfelder einen medizinischen (im Krankenhaus), pädagogischen (in der Schule) oder eben sportlichen Hintergrund voraussetzen. Vielleicht aber ist es auch der zeitgemäßer Eindruck einer weiblichen Generation, die vollständig emanzipiert aufgewachsen ist und sich nun mit beeindruckender Energie aufmacht, die Welt zu erobern. Was an dieser subjektiven These wirklich dran ist, wird die Zukunft von selbst beantworten. Und ergänzt sei an dieser Stelle ebenfalls, dass es sich bei allen geschilderten Aspekten nur um Momentaufnahmen handelt – es kann also durchaus ebenso möglich sein, dass die Situation außerhalb der Semesterferien und in einem anderen Umfeld grundlegend anders ist.

Nichtsdestotrotz, auch das soll nicht unerwähnt bleiben, hat die Sache an manchen Stellen ein Haken. Die wahren Beweggründe einiger Volunteers würde ich zumindest als tendenziell eher undurchsichtig bezeichnen – gerade bei einer derart kurzen Verweildauer. Ich finde es grundsätzlich gut, wenn junge Menschen sich in die große weite Welt aufmachen um die eigene Komfortzone zu verlassen. Man muss das nicht immer gut finden, aber es hat vermutlich noch keinem Abiturienten geschadet für einige Monate in Australien oder Neuseeland aufzuschlagen. Work and Travel eben. Wenn diese Bewegung sich nun aufmacht einen neuen Kontinent zu erkunden, spricht auch dagegen prinzipiell nichts.

All das aber dann hinter dem Begriff Volunteering zu verstecken, ist nicht ganz ohne Ambivalenz.

Denn das Arbeitspensum wird hier keinen überfordern und zugleich ist jedes Wochenende für Reiseaktivitäten geblockt – genau das also, was sich so gut wie keines der Kinder, denen es zu helfen gilt, leisten kann. Ich will an dieser Stelle auch gar keine Moralkeule schwingen – ich finde nur, man sollte die Sache nicht über Wert verkaufen.

Und noch viel weniger will ich dabei jemandem eine schlechte Absicht unterstellen, auch wenn die vermutlich oft überzogenen Inszenierungen in den sozialen Netzwerken hin und wieder Anlass dazu geben würden. Ein Mindestmaß an kritischer Auseinandersetzung mit den Zuständen vor Ort und pragmatischen Impulsen zur Verbesserung ebenjener, das ist sicherlich angebracht – und es gibt genügend, so jedenfalls mein Eindruck, die eine solche Einstellung auch proaktiv antizipieren. Zugleich aber gibt es natürlich auch solche, wenn auch wenige, die eine unangenehme Oberflächlichkeit und Scheinheiligkeit mit sich herumtragen. Das ist vor allem deshalb schade, weil es den Eindruck zulässt, als dass ein Leben, wie es Menschen in der westlichen Welt führen, eine wohlverdiente Selbstverständlichkeit ist. Spätestens nach einer Woche hier sollte allerdings jedem klar sein, dass es genau das nicht ist. All das trübt meinen Optimismus in dieser Angelegenheit aber keineswegs, gerade weil es – völlig egal in welche Ecke des Lebens man blickt – überall schwarze Schafe gibt.

Und vermutlich verdeckt eine zu seriöse Ernsthaftigkeit vor diesem Hintergrund auch die wahre Herausforderung dieser Generation: unsere Welt auf einer persönlichen Ebene zusammenwachsen zu lassen.

Und dafür spielt es keine Rolle, wer wie lange wo war und was gemacht hat. Wichtig ist nur, dass sich vor allem folgende Einsicht durchsetzt: jeder Mensch ist gleich, völlig egal wo er herkommt. Das Zusammenleben mit vielen Millenials aus der ganzen Welt sowie die Eindrücke und Gespräche vor Ort sind deshalb persönlichkeitsprägende Bausteine, die ihren wahren Wert vermutlich erst mit etwas Verzögerung entfalten werden.