Über politischen Aktionismus, Lehren für erfolgreiches Krisenmanagement und warum Empathievermögen systemrelevant ist – ein pandemischer Zwischenruf

Das musste einfach mal raus. Die letzten Wochen sind auch an mir nicht spurlos vorbeigegangen.

Ehrlich gesagt, um das vorwegzunehmen: auch mir scheint es aktuell angebracht, die Zeit vor/nach dem Jahreswechsel zu nutzen, um die Infektionsketten bestmöglich zu unterbrechen. Und dennoch meine ich, insbesondere angesichts der Entwicklungen in den letzten Wochen und Monaten: ein kritischer-differenzierter Blick auf das staatliche Krisenmanagement ist notwendig, wenn nicht sogar überfällig. Zu erdrückend kann sonst das Gefühl werden, wir alle wären „selbst schuld“ – das mag zu einem gewichtigen Teil richtig sein, ganz sicher aber ist es nur eine Seite der Medaille. Denn einiges wirkt politisch hausgemacht, auch deshalb diese Zeilen.

Ursprung dieser verzwickten Lage scheint mir in jedem Fall der Spätsommer des Jahres gewesen zu sein, als sämtliche Propaganda und reaktionäres Verhalten aus dem Umfeld der „Corona-Gegner“/-„Skeptiker“/-„Leugner“ (oder wie auch immer man diese Strömungen zusammenfassen will) den gesellschaftlichen Diskurs infiziert haben: fast alles davon war destruktiv und realitätsfern. Gut möglich sogar, dass sich vieles davon zu einem wesentlichen Treiber dieser zweiten Welle entwickelt und die Ausbreitung des Virus zusätzlich beschleunigt hat. Mit Abstand am bittersten aber dürfte vor allem ein Aspekt gewesen sein: die extreme Polarisierung hat die inhaltliche Debatte oft entlang der Logik „Covidioten“ vs. aktuelle Regierungspolitik ausgerichtet. Im Rückblick ist das zweifelsfrei ärgerlich, denn – und das zeigt sich in diesen Tagen ganz besonders: die konstruktiv-kritische Zivilgesellschaft wird an allen Ecken und Enden gebraucht, wenn auch ein halbes Jahr nach Ausbruch der Pandemie zu viele politische Akteure sich wie Getriebene durch diese Krise wurschteln.

Warum ich der Meinung bin, dass jüngst eine Menge an politischem Vertrauen überaus leichtfertig aufs Spiel gesetzt wurde (das sich im Vorfeld mühsam und redlich verdient wurde) und welche wichtigen Lektionen für gutes Krisenmanagement sich daraus ableiten lassen, davon sollen dieser Text handeln.


1) Failing to Plan is Planning to Fail.

Die Idee des zeitlich-begrenzten „Wellenbrechers“ für November war eine gute Idee, deren Logik ich gut nachvollziehen konnte und unterstütz habe. Allerdings: die geräuschlose Verlängerung dieser offensichtlich unzureichenden Maßnahmen für Dezember – verbunden mit der Hoffnung auf Besserung, obwohl die zuvor anvisierte Wirkung deutlich verfehlt wurden (substanzielle Senkung vs. Stagnation der Infektionszahlen) – war schon nicht wirklich ernst zu nehmen. Wenige Tage später dann aber eine erneute Verschärfung der Maßnahmen für die Zeit zwischen den Jahren ins Spiel zu bringen, wo doch im Vorfeld sämtlich Anstrengungen mit dem Argument eines friedvollen Weihnachtsfestes im Kreise der Familie begründet wurden, lässt auf mindestens unprofessionelle Entscheidungsvorbereitungen schließen. Und abgesehen davon ist auch wenige Tage vor dem Jahreswechsel nach wie vor die Frage offen, an welchen Benchmarks sich der politische Maßnahmenkatalog im ersten Quartal 2021 orientiert – ganz abgesehen von alternativen Handlungsoptionen, falls die gewünschten Zielsetzungen erneut verfehlt werden.

Natürlich gibt es auch meinerseits ein Interesse an möglichst geringen Infektions- & Sterbefällen, aber: dieser Zick-Zack-Kurs, diese fast nicht vorhandene Planungssicherheit, diese vorhersehbare politische Salami-Taktik – all das zermürbt ein wenig. Mir gehen beim politischen Management der vergangenen Tage vor allem Dinge wie Konsistenz und Ergebnisorientierung ab. Bestes Beispiel: wenn etwa die bayerische Staatsregierung (womöglich sogar zurecht) nachjustiert und davon spricht, dass nur noch aus „triftigen Gründen“ das Haus verlassen werden darf, davon aber beispielsweise „Weihnachtsbesorgungen“ explizit ausgenommen sind und auch weiterhin kein klar geregelter Anspruch auf Home-Office bei Bürojobs besteht, wird für mich jedenfalls kein Schuh draus.

Gelegentlich könnte einem da fast Lee Bolman in den Sinn kommen: „A vision without a strategy remains an illusion“. Und all das wird umso weniger nachvollziehbar, wenn man sich erinnert was Christian Drosten schon im April dieses Jahres prognostiziert hat: „Vielleicht kommen wir damit glimpflich über den Sommer, haben aber immer noch wenig Bevölkerungs-Immunität und laufen dann mit einer immunologisch naiven Bevölkerung in eine Winterwelle rein. Darauf müsste man sich vorbereiten, das wäre gefährlich. Und man müsste dann sich auch darauf einstellen, dass man wieder in den Lockdown gehen muss im Winter.“ Im Idealfall hätte man die Sommermonate nutzen können, um für sämtlich denkbare Szenarien klare Maßnahmenfahrpläne ausarbeiten zu können, die sich dann bei Bedarf aus der Schublade holen lassen um politischem Aktionismus zuvorzukommen. Wenn einem dann aber zu Ohren kommt, dass der Haushaltsausschuss des Bundestags nur 4 (!) der vom RKI geforderten 68 (!) neuen Stellen im IT-Bereich bewilligt hat, muss man es wohl resignierend mit Peer Steinbrück halten: „Hätte, Hätte, Fahrradkette“.


2) Don’t expect Loyalty when you can’t provide Honesty.

Mit der beeindruckend schnellen Entwicklung und Produktionsskalierung von geeigneten Impfstoffen besteht zurecht Hoffnung, dass wir im kommenden Jahr den Anfang vom Ende der Pandemie erleben. Für das geistige Wohlbefinden vieler Menschen dürfte das vermutlich ein lang ersehntes Licht am Ende des Tunnels sein – aber auch hier, so scheint mir, bleiben durch politische Kommunikationsmanöver der jüngsten Vergangenheit gelegentlich mehr Fragen zurück als beantwortet werden. Denn: wenn explizit betont wird, dass es um „Menschenleben” geht oder die Todeszahlen so hoch sind „als würde jeden Tag ein Flugzeug abstürzen“, bewegt man sich unweigerlich in ein ethisches Dilemma. Unmittelbar, verbunden mit der Frage warum man in der aktuellen Situation mit dem „harten“ Lockdown bis nach (!) Weihnachten warten will – aber auch grundsätzlich, schließlich eröffnet sich daraus wenig überraschend der gedankliche Umkehrschluss im Sinne von: wie „viel“ Menschenleben zu verlieren bzw. welche „Flugzeuggröße“ ist denn im Zweifelsfall noch vertretbar?

Die Interpretation derartiger Fragen dürfte kaum an Relevanz verlieren, zumal wir uns vermutlich zum (Spät-)Sommer auf eine Konfliktlinie zubewegen werden, bei der die konsequente Viruseindämmung unweigerlich an ihre Grenzen stoßen wird: nämlich dann, wenn im großen Stil Impfungen durchgeführt werden und die Öffnung sämtlicher Wirtschafts- & Freizeitbereiche unmittelbar bevorsteht. Hätte sich Christian Drosten dazu in der jüngsten Ausgabe des Corona-Updates nicht geäußert, wäre mit bis heute schleierhaft, was da auf uns zukommt – seine Perspektive jedenfalls ist wie folgt: „Wir werden zu irgendeinem Zeitpunkt in eine Situation kommen, wo die Infektionen in großem Maße dann laufen wird in der Bevölkerung – und das haben wir bisher noch nicht erlebt. […] Kinder werden zu der Zeit durchinfiziert werden in großem Maße, und auch deren Eltern, auch jüngere Erwachsene, die eigentlich keine Risikofaktoren haben und wir werden dann auf den Intensivstationen in Deutschland eine andere Art von Intensivpatient sehen – nämlich diejenigen, die aus voller Gesundheit, vollkommen überraschend, einen schweren Verlauf bekommen haben.“

Das klingt intuitiv vertretbar, aber bei Weitem deutlich weniger rosig als so mancher Impf-Enthusiasmus. Man darf gespannt sein, wie sich die rhetorischen Figuren in wenigen Monatendarstellen und verändern, wenn es darum geht den bevorstehenden Trade-Off „Gesundheit“ vs. „Freiheit“ klug zu moderieren und begründen – denn auf die entschiedenste aller Fragen fehlt nach wie vor eine ehrliche Antwort: wie genau stellt sich die Politik den Weg aus dieser Pandemie eigentlich vor? Schließlich kann und wird es 100-prozentige Sicherheit nicht geben, das dürfte den meisten Menschen bewusst sein – umso betrüblicher, dass man gelegentlich vor allem einen Eindruck nicht los wird: zu viele politische Entscheidungsträger haben rhetorisch, wie auch im Hinblick auf die anstehenden Maßnahmen, lediglich die nächsten vier Wochen auf dem Schirm. Das müsste und sollte so nicht sein, schließlich wusste schon Bruce Lee: “Long-term consistency trumps short-term intensity.”


3) Führung in Verantwortung muss immer interdisziplinär sein.

Juli Zeh hat vor wenigen Wochen in der ZEIT ein paar großartige Sätze zur Frage untergebracht, warum es oft so verzwickt ist über Corona zu sprechen: „Der vielleicht wichtigste Grund besteht darin, dass die Pandemie konkurrierende Fundamentalängste auslöst, die aufeinander prallen. Eine Angst bezieht sich auf das Virus: Krankheit, Tod, Zusammenbruch des Gesundheitssystems. Eine weitere auf ökonomischen Existenzverlust und volkswirtschaftlichen Ruin. Eine dritte auf die Art der Virus-Bekämpfung: Abschaffung der Demokratie, schrittweiser Übergang in eine Vor- und Fürsorge-Diktatur. Wir streiten nicht nur darum, was vernünftigerweise getan werden sollte. Sondern auch darum, wessen Angst die berechtigte ist. Das lässt Emotionen hochkochen.“ Was hier mit chirurgischer Präzision analysiert wird, birgt wie ich finde auch viel Wahrheit in sich – und legt schonungslos offen, warum es früher oder später zu kurz greifen könnte, mit der faktischen Lage (medizinische Metriken) losgelöst von der gefühlten Wahrnehmung (persönliches Empfinden) in dieser Krise zu argumentieren, um die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung für die Pandemiebekämpfung zu mobilisieren. Die nachfolgenden vier Aspekte stehen meinem Empfinden nach exemplarisch dafür, dass man sich auch ohne gesundheitliche Sorgen teilweise ziemlich im Regen stehen gelassen fühlen kann:

  • Welcher Schüler ist nicht sauer darüber, dass ein großer Reisekonzern (der sich mehrheitlich im Besitz ausländischer Investoren befindet) mit bis zu 4,3 Mrd. EUR staatlich unterstützt wird – zugleich aber nach wie vor keine flächendeckende Ausrüstung von mobilen Luftfilteranlagen in Klassenzimmern existiert?
  • Welche(r) Vater/Mutter fühlt sich nicht vernachlässigt, wenn ein zweites Mal die Schulen konsequent geschlossen werden, ohne auch nur einen betroffenen Elternteil von der Berufstätigkeit zu entlasten?
  • Welcher Restaurantbesitzer/Solo-Selbstständige kommt sich in diesen Tagen nicht vergageiert vor, wenn der Wirtschaftsminister inmitten in einer Pandemie-Hochphase (Ende Nov.) das „Einkaufen“ plötzlich als „patriotische Aufgabe“ den Leuten unter die Nase reibt?
  • Und welcher Mensch in bestem Alter reibt sich nicht verwundert die Augen, wenn erst Boris Palmer ins mediale Rampenlicht gerückt werden muss um der Republik zu erklären, dass es auch ohne 100-prozentige Erfolgsgarantie aber mit gesundem Menschenverstand (Personen ü60 bilden aktuell >95% der Todesfälle ab) durchaus Sinn machen könnte großspurig in den Schutz vulnerabler Gruppen zu investieren.  

Darüber hinaus aber gibt es natürlich noch tiefenpsychologische Komponenten in diesen turbulenten Zeiten, die aber mitunter extrem subjektive Belastungen sein dürften und, wie ich finde, viel zu oft noch unterschätzt werden. Zwei Impulse auch dazu:

  • Was macht es möglicherweise mit der Psychologie von Menschen, wenn davon gesprochen wird, dass „die Daumenschrauben“ angezogen werden müssen bzw. dass nun „ganz klare, autoritäre Maßnahmen des Staates“ nötig seien? Oder anders ausgedrückt: welches Verhalten wird durch ein zu hohes Maß an gefühlter Ohnmacht/Hilflosigkeit induziert?
  • Und – vorausgesetzt Brené Brown hat recht, wenn sie sagt: „Wir sind Beziehungswesen. Beziehungen gibt unserem Leben Sinn und Bedeutung, und ohne sie leiden wir.“ – ist vielleicht ein wenig mehr Nachsicht angebracht, wenn sich vereinzelt Menschen überdurchschnittlich viel Sorgen um die Vitalität unserer demokratisch-freiheitlichen Zusammenlebens machen (angesichts der mitunter arg dynamischen Eingriffe ins Privatleben)?

All das ist weder trivial abzuschätzen, noch gibt es dafür einen perfekt-skizzierten Lösungsweg. Nichtsdestotrotz aber dürfte es nicht zu viel verlangt sein, dass politische Entscheidungsträger sämtlich Zusammenhänge dieser multiplen (!) Krise ernsthaft in ihre Überlegungen miteinbeziehen und das auch verbal so zum Ausdruck bringen. Alles andere wird einer seriösen Bewältigung dieser Herausforderung nicht gerecht und dürfte vermutlich in einer ungesunden Mischung aus desorientierter Einseitigkeit und fehlender sozialer Sensibilität münden.


4) Glaubwürdigkeit fällt nicht vom Himmel.

„Die Krise ist die Stunde der Exekutive“ – so heißt es oft, und ein Stück weit war und ist das auch im Falle dieser Pandemie so. Nichtsdestotrotz ist diesmal vieles anderes, die Abweichung der Regierungsparteien von ansonsten/vormals oft kategorische abgelehnten Vorgehensweisen und Prinzipien ist fast kaum zu glauben. An diesem Sinneswandel ist (jedenfalls meinerseits) auch gar nicht viel auszusetzen – dass aber dem ein oder anderen gelegentlich Zweifel im Sinne von Unglaubwürdigkeit an diesen gleichen mehrfachen 180 Grad Wendungen kommen, ist vermutlich keine ganz große Überraschung. Gerade im „konservativen“ Lager, vier Beispiele dazu:

Wenn PRÄVENTION als Mittel der Stunde angepriesen wird, bleibt natürlich die Frage: wo waren derartige Bemühungen der Gesundheitsvorsorge im Vorfeld, beispielsweise und ganz besonders im Bereich der Ernährungspolitik? Und als wäre das nicht schon ärgerlich genug, scheint dieses Missmanagement auch die aktuelle Pandemie zu befeuern: Forscher aus England haben beispielsweise herausgefunden, dass Fettleibigkeit mit einem erhöhten Risiko für einen schweren Verlauf der Erkrankung in Verbindung zu bringen ist.

Wenn die WÜRDE DES MENSCHEN zurecht regelmäßig betont und ins Zentrum der politischen Bemühungen gestellt wird, bleibt auch das nicht völlig widerspruchsfrei: warum juckt es gefühlt so wenige im politischen Berlin, wenn etwa auf der griechischen Insel Lesbos Geflüchtete (darunter schwangere Frauen und Minderjährige) nach ihrer Ankunft illegalerweise wieder auf dem offenen Meer ausgesetzt wurden? Das Recht auf ein Leben in Frieden und geordneten Verhältnissen darf und sollte schließlich keine Frage der Nationalität sein.

Wenn staatliche VERORDNUNGEN als Handlungsinstrument (plötzlich) vermehrt Anwendung finden, dürfte sich manch einer vermutlich auch daran erinnern, wie lächerlich undifferenziert in der Vergangenheit teilweise damit umgegangen wurde. Ganz egal ob beim Rauchverbot (erledigt), einem verpflichtenden Abbiegeassistenten für LKWs (noch ausstehend) oder effektiveren Maßnahmen zur Senkung der Nitratbelastung im Grundwasser (überfällig) – ohne einen sauberen Ordnungsrahmen lässt sich individuelle Sicherheit eben nur bedingt sicherstellen.

Und wenn das KRISENMANAGEMENT sich richtigerweise an der Ernsthaftigkeit der Lage orientiert, dürfte dem ein oder anderen schon der Gedanke kommen: warum hat das Motto „Nicht kleckern, klotzen!“ etwa für die Jahrhundert-Herausforderung „Klimakrise“ bislang so wenig Zuspruch gefunden? Und natürlich nicht nur dort, ähnliches gilt für „kleinere“ Krisen mit teils erheblichen Verfehlungen: Bildungsgerechtigkeit, Aufwertung sozialer Berufe, Präventionsmaßnahmen für psychische Belastungserscheinungen / Suchterkrankungen / häusliche Gewalt und vieles mehr.

Insofern ist mein Punkt an der Stelle nur folgender: wird einer Gesellschaft über lange Zeit vorgegaukelt, Politik gebe es nur im unverbesserlichen Doppelpack aus angezogener Handbremse und künstlichem Wohlfühlversprechen, dann sollte einen die Verwunderung zumindest nicht überwältigen, wenn sich manch eine(r) schwertut innerhalb weniger Monate diese „Komfortzone“ zu verlassen.


Summa Summarum

Diese Pandemie ist kompliziert, herausfordernd und bitter – für jeden von uns. Das sollten wir nicht vergessen. Und jeder nimmt diese Krise anders wahr, keine Situation ist unmittelbar vergleichbar. Manchen gelingt es besser damit klarzukommen, manchen weniger. Manchen geht’s es besser damit den aktuellen information-overload auszublenden, manchen fühlen sich wohler damit gut informiert zu sein und manche fühle sich gelegentlich davon überfordert. All das ist okay. Bis auf wenige (vermutlich sogar eine vernachlässigbare Zahl) an unerreichbaren Ignoraten dürften die meisten Menschen versuchen aus den gegebenen Umständen das Beste zu machen. Und das gilt selbstverständlich ebenso für die führenden Politiker*innen hierzulande: vermutlich keiner (bis auf die AfD-Fraktion im Bundestag) wird hier mit böser Absicht versuchen, irgendwelchen dunklen Mächten zur Entfaltung zu verhelfen. Aber, auch das muss fairerweise gesagt werden: nicht jede politische Entscheidung ist gleich gut, einiges ist sicherlich eher als mittelprächtig zu bewerten. Vertrauen geht vor allem aber dann verloren, wenn aus Fehlern keine Lehren gezogen werden und Zweifel entstehen, ob mit offenen Karten gespielt wird.

Was aber Politiker*innen wie Bürger*innen vereint: beide können zumeist nicht völlig kompromisslos agieren. Die Politik ist gezwungen Interessen von Bildungseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen zu berücksichtigen – und für Bürger*innen, vor allem natürlich in nicht-digitalen Berufen & mit Kindern, ist und bleibt die vollständige Kontrolle möglicher Ansteckungsgefahren eine Illusion.

Insofern scheint mir ein angemessenes Bewusstsein im Sinne einer gesunden Dialektik der einzig vernünftige Umgang mit dieser Krise. Einerseits ist es natürlich die Verantwortung jedes Einzelnen, nach bestem Wissen und Gewissen einen Beitrag zur Eindämmung dieser Pandemie zu leisten. Andrerseits aber ist auch nichts gewonnen, sämtliches Unheil dieser Tage auf uns selbst zu projizieren – den Kopf in den Sand zu stecken hat schließlich noch nie etwas gebracht. Und genauso wenig scheint es mir (auch wenig es epidemiologisch nötig sein könnte) angebracht, mit zu viel Hybris einen „harten“ Lock-Down herbeizurufen – zu groß sind dabei die Kollateralschäden, als dass so etwas irgendeinem Menschen zu wünschen wäre. Derartige Einschnitte muss man sich schließlich auch „leisten“ können: ökonomisch, materiell und psychologisch/gesundheitlich. Allein bei der Berliner Gewaltschutzambulanz stiegen die Vorfälle im Frühjahr um über 200%. Und für knapp 1 Mio. Menschen wird dieses Weihnachten auch unabhängig von der Pandemie das letzte sein. Grund genug also, sich in diesen Tagen gelegentlich ein kleines, aber feines amerikanisches Wortspiel ins Gedächtnis zu rufen: “humankind: be both“


>> Cover Picture is taken from unsplash.com <<

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