Das Attentat an Charlie Kirk erschüttert die USA und schickt Schockwellen in die ganze Welt. Diese grauenhafte Tat ist durch nichts zu rechtfertigen und zweifellos aufs Schärfste zu verurteilen. Für 99% unter uns dürfte das „common sense“ sein, auch wenn von wenigen versucht wird das Gegenteil zu behaupten (indem Einzelfälle als repräsentativ aufgeblasen werden).
Was den persönlichen Umgang mit dieser Tragödie betrifft, so liegt es nahe möglichst im Moment zu bleiben – vielleicht zurückzublicken, eher nicht nach vorne und sich von mutwilligen Spekulationen fernzuhalten. Dem Opfer (ein letztes Mal) die Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und mit den Hinterbliebenen mitzufühlen. Donald Trump hatte offensichtlich seine Schwierigkeiten damit in seiner Ansprache, als – wer sonst – er den Tod von Charlie Kirk verkündete.
In diesem Kontext, ohne den geringste Beweis vorzulegen, die „radikale Linke“ dafür verantwortlich zu machen, ist bewusst provokativ. Und darüber hinaus bewusst polarisierend, wenn dafür eine ganze gesellschaftliche Strömung in Geiselhaft genommen werden soll. Man würde gerne den MAGA-Aufschrei sehen, wenn gleiche Maßstäbe an Attentate auf demokratische Politikakteure angelegt worden wären (gibt es ja: Angriff auf die Nancy Pelosi und Melissa Hortman (plus jeweils ihre Ehemänner)). Gewalt entspinnt und beschleunigt sich zumeist in Spiralen, und wer diesem Mechanismus explizit Vorschub gibt, leistet ebenso seinen (destruktiven) Beitrag.
Charlie Kirk selbst (den ich ehrlicherweise bis vor dem Attentat nicht kannte) scheint vor diesem Hintergrund nur schwer in EINE Schublade zu passen – auch wenn von vielen Seiten versucht wird, genau das zu bewirken. So wie es (retrospektiv) scheint, war er ein ehrenhafter Vater, glücklicher Ehemann, ein gläubiger Christ und friedlicher Politik-Influencer. Er hat Widersprüche und abweichende Meinungen diskutiert. Und das auch offline, von Mensch zu Mensch. Oder wie Ezra Klein es formuliert hat: „Charlie Kirk was practicing politics the right way“. Er hat sich dem politischen Meinungswettbewerb gestellt, ohne Starallüren und mit starker eigener Meinung. Das ist fair und verdient Respekt.
Die Umstände seines Todes könnten schicksalhafter kaum sein – hallen seine Worte doch nach, mit denen er den zweiten Verfassungszusatz (Recht auf Waffenbesitz) verteidigt hat: „it’s worth to have a cost of unfortunately some gun deaths every single year.” Aber auch darüber hinaus bleibt der Eindruck von einem überzeugtem Kulturkrieger, einem konservativ/evangelikalen Streamliner und medialen Verstärker. Einem rhetorischen Talent mit Sendungsbewusstsein, der auch verbal mitunter aggressiv austeilen kann. Strategisch vermutlich eng auf einer Linie mit Peter Thiel und JD Vance. Identitätspolitische Themen rund um Familie, Rollenbilder, Religion und Patriotismus wurden stark emotionalisiert, aktiv hochstilisiert und beschreiben ein – für mein Empfinden – einseitiges Freiheitsverständnis. Positionen zu Abtreibungen, Klimawandel und Migration/Herkunft sind – ich würde sagen für deutsche/europäische Verhältnisse – teilweise bewusst irreführend formuliert. Ähnliches lässt sich auch für seine außenpolitische Ausführungen ableiten, etwa mit Blick auf Israel oder Russland, die teilweise sehr undifferenziert und selbstredend immer Donald Trump lobpreisend vorgetragen wurden. Aber er hat damit, vermutlich wie wenig andere, verinnerlicht was einst Steve Bannon als Maßgabe ausgegeben hat und zu seiner eigenen Agenda gemacht: „Politics is downstream from culture.“ Wer sich ein Bild davon machen will, für den lohnt sich sein Auftritt vor wenigen Monaten in Oxford, wo er mit einigen Student:innen diskutiert hat.
Wenn man nun davon ausgeht, dass nicht nur die Schockenwellen, sondern auch die Auswirkungen dieses Attentats über die USA hinausgehen, liegen ein paar Gedanken auf der Hand, über die es sich lohnt nachzudenken.
1. Gewalt ist und bleibt eine Sackgasse, initiativ und als Reaktion. Oder wie ich gestern auf X/Twitter sehr zutreffend gelesen habe: „Wer in Demokratien zu Gewalt greift, um sich durchzusetzen, ist für eine Demokratie untauglich. Und macht sich damit zum Feind aller Demokraten.“ Und das gilt es selbstredend in jedem Fall, ganz egal ob tödlich oder nicht – auch für uns in Deutschland. Gewalt hat viele Formen, und ihren Ursprung vielfach in aggressiver Sprache und gefühltem Hass. Mehr denn je gilt es drüber nachdenken, was das eigene Tun auch für Andersdenkende bedeutet.
2. Charlie Kirk hat einen starken Beweis geliefert, dass politische Mehrheiten nicht vom Himmel fallen – sondern organisiert werden. Politische Strömungen sind ein fluider Zustand, zwischen Recht haben und Recht bekommen, liegt oft eine ganze Menge Arbeit. Er selbst hat mit Turning Point USA genau diese Arbeit verrichtet. Man muss politisch keineswegs auf einer Linie sein, um diese Leistung anzuerkennen. Umgekehrt gilt aber für die „demokratische Linke“ / „progressive Mitte“: es braucht den Mut zur Auseinandersetzung mit unbequemen Meinungen (nicht nur online), die rhetorische Überzeugungskraft und das strategische Geschick für langfristiges Agenda-Setting, um der „MAGA-Bewegung“ und seinen Verbündeten in Europa erfolgreich die Stirn zu bieten.
3. Politisch gesehen wurde Charlie Kirk selbst zum „Turning Point“. Ob die Todesstrafe für den Attentäter ein richtiger Schritt ist, müssen die USA selbst entscheiden. Ebenso, wie die politische Instrumentalisierung der Trump-Administration vor diesem Hintergrund zu bewerten ist. In jedem Fall aber ist der Zeitpunkt vermutlich wie wenige andere geeignet, ein paar Dinge auch mal sacken zu lassen. Ohne den Anspruch auf Lösung darüber nachzudenken, was einen jungen Menschen (der offensichtlich ebenfalls in keine richtige „Schublade” passt) zu so einer furchtbaren Tat treibt (Stichwort: Radikalisierung auf Social-Media?). Und nicht auf den nächsten populistischen Zug aufzuspringen, der vielleicht in Form von Julian Reichelt, Maximilian Krah oder Armin Petschner-Multari am Smartphone vorbeizieht. Denn wenn ihnen am Vermächtnis vom Charlie Kirk wirklich etwas gelegen wäre, würden Sie seine Worte ernst nehmen: „When things are moving very fast and people are losing their minds, it’s important to stay grounded. Turn off your phone, read scripture, spend time with friends, and remember internet fury is not real life. It’s going to be okay.”
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