Mesut Özil trifft einen wunden Punkt.

Der deutsche Spielgestalter hat mit einem umfangreichen Statement seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft bekannt gegeben. Es lohnt sich, genau hinzuhören.

Es ist wie so oft bei diesen Dingen – nicht die Sache an sich ist das Problem, sondern vielmehr die Art und Weise mit man damit umgeht. Mesut Özil hat sich zweifelsfrei maximal unglücklich verhalten. Seine Annahme, ein solches Bild (mit dem türkischen Präsidenten) würde keine politische Botschaft aussenden, kann man gut und gerne auch als naiv bezeichnen. Das kann und sollte kritisiert werden, dann muss es aber auch wieder gut sein. Sportlich allerdings war (und ist) er aus der Nationalmannschaft im Prinzip kaum wegzudenken. Philipp Lahm hat unlängst noch einmal erklärt, dass Mesut Özil – entgegen einschlägiger Stammtisch-Parolen – einer der wichtigsten Spieler für den WM-Erfolg vor vier Jahren war.

Die emotionale Eskalationsspirale, die sich seitdem entwickelt hat, ist nur noch verstörend. Denn, so jedenfalls mein Eindruck, diese Aktion wurde vor allem von jenen unaufhörlich befeuert, die ihrem persönlichen Frust auf dem Rücken eines scheinbar wehrlosen Sündenbocks auslassen wollten.  Umso bemerkenswerter, dass sich Mesut Özil mit aller Klarheit nun selbst zurückgemeldet hat – und seine Aussagen sollten uns zu denken geben.

Die Verrohung, die Simplifizierung, die Unendlichkeit
dieser Debatte und vor allem die Tatsache, dass wir all das ohne weiteres zulassen, zeichnet ein beschämendes Bild unserer Gesellschaft.

Mario Basler sagte „seine Körpersprache ist von einem toten Frosch“, Lothar Matthäus meint „Özil fühlt sich nicht wohl im DFB-Trikot“ und der Verbandspräsident Reinhard Grindel erhöht eine gefühlte Ewigkeit nach dem Ausscheiden der Nationalmannschaft noch einmal den Druck auf den Nationalspieler. Und dabei stellt sich keiner der Frage, was ein Shitstorm derartigen Ausmaßes mit einem Menschen macht.

Mesut Özil fühlt sich – völlig zurecht wie ich finde – derart verschaukelt von seinem Land, in dem er geboren ist und für das er 92 Länderspiele absolviert hat. Er spricht in seinen Statements ganz klar von Rassismus, den er empfindet. Zum einen, weil sein persönlicher (Migrations-)Hintergrund nahezu keinen Eingang in diese ganze Debatte gefunden hat und zum anderen, weil ihm (vermutlich gerade deshalb) ein Ausmaß an Respektlosigkeit und Schuldzuweisungen entgegengeschlagen ist, welches er nicht länger hinnehmen will.

Wer nun aber halbwegs aufmerksam die Reaktionen auf die Rücktrittserklärung von  Mesut Özil liest, kann seine Worte umso besser verstehen. Die Bild titelt: „Özil Jammer-Rücktritt“ und der vielfache Steuerhinterzieher Uli Hoeneß drischt verbal so zügellos auf ihn ein, als gäbe es kein Morgen. Der alte Mann vom Tegernsee hat wohl inzwischen beides verloren: Anstand und Vernunft.

Denn grundsätzlich gilt nach wie vor: man sollte Sport und Politik trennen. Aber: Sport und Haltung dürfen niemals zwei paar Stiefel sein.

Die Ambivalenz, die in dieser Angelegenheit nicht nur der DFB, sondern auch einige Menschen hierzulande an den Tag legen, ist für mich oftmals unbegreiflich. Toleranz und ein gesundes Gefühl für Maß und Mitte sind dabei nun schon seit Wochen auf der Strecke geblieben. Und all das tut weder den Beteiligten noch unserer Gesellschaft als solches gut. Es wird allerhöchste Eisenbahn, dass wir Zügellosigkeit und Missgunst endlich wieder durch mehr Gelassenheit und Unterstützung ersetzen. Vielleicht spielt Mesut Özil dann schon bald wieder für die Nationalmannschaft – endgültig war seine Rücktrittserklärung jedenfalls nicht, der Ball liegt nun bei uns als Gesellschaft.


> Picture is taken from https://www.sueddeutsche.de/sport/jahresrueckblick-oezil-ruecktritt-nationalmannschaft-kommentar-1.4065807 <

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