Der Siemens-Chef als Symbolbild einer abgehobenen Managerelite?

Manager-Bashing ist nicht unpopulär in diesen Zeiten – allerdings auch nicht immer fair. Dieser Artikel soll eine Gegenrede sein – bezugnehmend im Speziellen auf den Fall Joe Kaeser.

Unternehmensführer großer Konzerne haben es in diesem Land nicht leicht. Immer wieder ziehen regelrechte Shitstorms über ‘die da oben‘ her, regelmäßig wird ihnen blinde Profitgier und fehlender Bezug zur Realität vorgeworfen. Wer derartige Debatten verfolgt, wird aber schnell feststellen, dass oft undifferenziert argumentiert wird. Gelegentlich war dabei auch Joe Kaeser, CEO von Siemens, Grund für massive Empörungswellen. Ich persönlich allerdings glaube, dass uns derartige Debatten nicht aus der Hand gleiten sollten, indem sie zu einseitig werden – deshalb soll dieser Beitrag einige Perspektivwechsel aufzeigen.

I) Wo ist die soziale Kompetenz?

„Das ist das übliche Verhalten von verantwortungslosen Managern.“ – so hat Martin Schulz im vergangenen November den geplanten Stellenabbau von Siemens in der Kraftwerks- und Antriebstechnik kommentiert. In diesem Rahmen sollen etwa 3.500 Jobs in Deutschland (ca. 3% der Belegschaft) wegfallen, hauptsächlich im Osten der Republik. Ohne Zweifel ein harter Schlag, gerade für Menschen, die schon Jahrzehnte lang im Betrieb sind. Darüber hinaus war der Zeitpunkt der Ankündigung überaus unglücklich gewählt, denn nur wenige Tage zuvor wurde für das zurückliegende Geschäftsjahr ein neuer Rekordgewinn von 6,2 Mrd. Euro verkündet.

Nichtsdestotrotz kann dieser Moment ein guter Anlass sein, um über die Grenzen der unternehmerischen Verantwortung nachzudenken. Dabei kommt unweigerliche die Frage auf, inwieweit man in diesen Zeiten eine lebensfüllende Beschäftigung von Seiten eines Unternehmens einfordern kann. Geschäftsfelder gehen rasant zugrunde, wie auch ebenjene Energiesparte von Siemens, und ebenso rasant erwachsen Geschäftsfelder an anderen Stellen.

Unternehmen müssen, wenn Sie langfristig erfolgreich sein wollen, diesen Wandel proaktiv angehen. Insofern sollte sich ein angemessener Unternehmensgewinn auf der einen Seite und eine Kapazitätsanpassung auf der anderen Seite nicht zwingend ausschließen.

Klar ist aber auch, dass man von Unternehmenslenkern jedweder Art erwarten kann, derartige Szenarien, wie z.B. im Falle von Siemens, so gut wie möglich abzufedern – aber daraus sollte sich kein Automatismus ergeben. Gerade deshalb, weil wir in den nächsten 5-10 Jahren vermutlich noch eine weitaus größere Anzahl an unternehmerischen Transformationen sehen werden. In vielen Fällen kann kluges Management dem durchaus entgegenwirken – durch Umschulungen der Mitarbeiter, durch einen frühzeitigen Aufbau neuer Geschäftsfelder und einen kontinuierlichen Abbau wenig profitabler Geschäftsfelder.

In Fällen von überdurchschnittlich hohem Innovationstempo allerdings wird das zunehmend schwierig – vor allem, weil Wertschöpfungsketten sich massiv verkürzen. Der Antriebsstrang eines Elektromotors beispielsweise ist weitaus kompakter als der eines Verbrennungsmotors und insofern wäre es naiv anzunehmen, dass jeder Mitarbeiter der Motorenkonstruktion ausreichend qualifiziert sein wird um an adäquaten Lösungen für die Elektromobilität mitzuarbeiten.

Ähnlich formuliert es auch Joe Kaeser selbst in seiner Replik auf die Aussagen von Martin Schulz: Siemens rechnet damit, dass in den kommenden Jahren, während entsprechende Arbeitsplätze abgebaut werden, etwa 16.000 neue Mitarbeiter/-innen eingestellt werden. Unternehmen sind kein Selbstzweck und sollen auch keiner sein.

Wenn wir von Unternehmen aber proaktiven Wandeln einfordern, müssen wir ihnen auch ein Mindestmaß an Flexibilität zugestehen. Langfristiger Geschäftserfolg basiert nun einmal primär auf einer ausgezeichneten Einschätzung der faktischen Lage, nicht der emotionalen.

Und insofern sollte auch ein geplanter Stellenabbau nicht unbedingt eine mangelnde soziale unternehmerische Verantwortung bedeuten – denn das kann und soll vielmehr sein als lediglich eine Beschäftigung für Arbeitnehmer.

Beispielsweise: nachhaltige Produktionsverfahren und Wertschöpfungsketten, umweltschonende Produkte und Dienstleistungen, wertschätzende Kommunikation innerhalb des Unternehmens oder auch zeitgemäße Management-Strukturen und Leadership-Principles.

II ) Wie nah dürfen sich Politiker und Konzernlenker stehen?

„Glückwunsch zur Steuerreform. Und weil Sie so erfolgreich mit der Steuerreform waren, haben wir entschieden, die nächste Generation von Gasturbinen in den USA zu entwickeln.“ – so hat sich der Siemens-Chef selbst bei einem gemeinsamen Abendessen im Rahmen des Weltwirtschaftsforums in Davos gegenüber US-Präsident Donald Trump geäußert. Es braucht nicht viel Vorstellungskraft um sich die Schlagzeilen vieler Medien in den darauffolgenden Tagen auszudenken. Wer sich allerdings das Video dazu ansieht, wird schnell feststellen, dass sich Joe Kaeser in dieser abendlichen Runde mit 15 anderen Konzernlenkern nicht gänzlich wohl fühlte.

Wer diese Szene kommentiert, sollte zumindest im Hinterkopf behalten, dass Donald Trump – egal was man von ihm halten mag – aktuell der mächtigste Mensch der Welt ist. Jeder der ihm gegenüber sitzt, sitzt im Zweifelsfall am kürzeren Hebel. Und jeder der sich ein bisschen mit der Persönlichkeit von Donald Trump auseinandergesetzt hat, wird schnell festgestellt haben, dass Kritik nicht in sein persönliches Weltbild passt und er Lob genauso zum Leben braucht wie Essen und Trinken. Für einen direkten Dialog gibt es insofern sicherlich angenehmere Gesprächspartner – speziell für den Chef eines Konzerns, dessen größter Absatzmarkt die USA ist.

Es ist deshalb hilfreich sich vor Augen zu halten, dass der CEO eines Unternehmens in einem solchem Moment primär den Share- und Stakeholdern verpflichtet ist, die legitimerweise eine positive Geschäftsfortführung erwarten – und nicht kommentierenden Journalisten, die mit dem Unternehmen im Prinzip nichts zu tun haben.

Was man als Beobachter aber schon einfordern kann, ist eine adäquate Einschätzung der Situation – und somit kein blindes Folgen derartig egozentrischer Persönlichkeiten, wie es Donald Trump wohl zu sein scheint. Um sich dessen zu vergewissern genügt allerdings eine Aussage des Siemens-Chefs über den US-Präsidenten, kurz nachdem er mit Angela Merkel als Teil der deutschen Wirtschaftsdelegation bei deren Antrittsbesuch in Washington auf Donald Trump traf: „Ich traf auf einen Menschen, der gelernt hat, nach einem bestimmten Schema zu arbeiten und vornehmlich einer monokausalen Deal-Logik folgt. Das heißt einer klaren Beziehung zwischen Ursache und Wirkung. Allerdings ist die heutige politische Welt oft deutlich komplexer.“

III) Woher kommt die Spaltung in unserer Gesellschaft?

„Und diese Geschichte, dass die Reichen noch reicher werden und alles schrecklich. Das kann sein. Das passiert im Wesentlichen deshalb, weil viele Arbeitnehmer nicht an der Vermögensbildung durch Aktien teilnehmen.“ – ein Satz, ebenfalls von Joe Kaeser, der insbesondere in den letzten Tagen bei vielen Menschen für Entsetzen gesorgt haben dürfte. Ohne Frage, der Satz ist etwas unglücklich formuliert. Und ob es so gemeint war oder nicht ist eher irrelevant, denn das Netz vergisst nichts mehr. Und ja, die Spaltung unserer Gesellschaft ist auch in finanzieller Sicht nicht unwesentlich und teilweise besorgniserregend.

Wie bei so vielen derart komplexen Sachverhalten sind aber die Gründe dafür oft vielfältig. Die Aussage des Siemens-Chef ist aber, wie ich finde, ein durchaus nicht unwesentlicher davon. Betrachtet man nur einmal die Entwicklung der Siemens-Aktie seit seinem Amtsantritt im August 2013 bis heute, so ist ein Wertzuwachs von ca. 33% erkennbar. Das ist nicht wenig und macht in der Tat einen großen Unterschied zwischen denen, die ihr gespartes Geld anlegen und denen, die es für persönlichen Konsum ausgeben oder auf dem Bankkonto größtenteils unverzinst liegen lassen.

Viele Menschen wünschen sich heutzutage mehr Klartext von Entscheidungsträgern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – im Gegenzug wäre es gelegentlich aber ebenso angebracht, sich die Mühe zu machen derartige Aussagen kritisch zu hinterfragen um deren Zustandekommen zumindest versuchen zu verstehen. Ausschließliche Empörung hilft in der Regel nicht weiter.


> Picture is takem from siemens.com <